der SOPA Blackout Day und die Wahrheit über die Doppelmoral der Musik- und Filmindustrie

Gestern gab es im Internet weltweite Proteste gegen den SOPA, der es US-Firmen wie Warner Brothers oder EMI erlauben würde Webseiten, die ohne Genehmigung urheberrechtlich geschützte Inhalte verkaufen oder verbreiten zu blockieren und zu beschlagnahmen. Ingesamt haben sich Abertausende Webseiten und Nutzer in der einen oder anderen Form am Protest beteiligt. Die Musik und Filmindustrie ist aber am massenhaften Filesharing nicht unschuldig wie sie später noch sehen werden.

In unserem Artikel gehen wir dem Phänomen des Filesharing auf den Grund und wir haben wirklich per Zufall Beweise dafür gefunden, dass die Musik und Filmindustrie das Problem zu einem grossen Teil selbst verursacht oder zumindest lange gefördert hat. Danach fing man an die Nutzer gleich massenweise zu verklagen. Nun kommen wir aber erst zu den Protesten gegen SOPA.

An vorderster Front kämpften gestern Webseiten wie Wikipedia, Worpdress, Reddit, BoingBoing, Wired, um nur einige zu nennen, gegen den SOPA. Selbst Suchmaschinengigant Google hat auf der Landingpage darauf hingewiesen und sich für ein freies Internet ohne Zensur stark gemacht. Auch Facebook Gründer Mark Zuckerberg hat sich als SOPA-Gegner geoutet und veröffentlichte auf seiner Facebook Seite ein Statement zum Thema. Facebook wäre vom SOPA auch stark betroffen und müsste sogar damit rechnen, dass die Seite abgeschaltet wird.

Mark Zuckerberg: “Die Welt braucht mehr Politiker die für das Internet sind”

Mark Zuckerberg, Gründer von Facebook Bild: facebook.com

Mark Zuckerberg schreibt folgendes: “Das Internet ist das mächtigste Werkzeug das wir haben um eine offenere und vernetztere Welt zu gestalten. Wir können es nicht erlauben, dass unausgereifte Gesetze den Weg des Internet in die Zukunft verhindern. Die Welt braucht mehr Politiker die für das Internet sind. Wir haben monatelang mit Politikern zusammengearbeitet um bessere Alternativen zu finden. Ich fordere sie auf sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und ihrem Kongressabgeordneten mitzuteilen dass sie möchten dass er sich für das Internet einsetzt.”

Musikindustrie hat ihre Kunden zum Filesharing angeleitet

Michael Mozart, Gründer von Jeepersmedia hat auf Youtube ein flammendes Videostatement veröffentlich, in der er die Doppelmoral der Musik- und Filmindustrie anprangert. Sein Standpunkt: Firmen wie CBS die den SOPA mit aller Gewalt durchboxen möchten haben ihre Nutzer “angefixt”- sie waren es, die damals das Filesharing erst möglich gemacht haben und ihren Nutzer die entsprechenden Programme verkauft haben, exakt dieselben Firmen die heute für den SOPA sind haben das Massenphänomen des Filesharing erst möglich gemacht.

Video: So machen es die Profidealer: erst die Kunden gratis anfixen und wenn alle abhängig sind wird fett abkassiert.

Tools und Tips zum Filesharing direkt von der Quelle

Lange gab man den Nutzern viele nützliche Tips und entsprechende Tools für das Filesharing an die Hand. Als genug Nutzer auf den Filesharingzug aufgesprungen waren, gab es den grossen Turnaround und man begann die “angefixten” Nutzer massenweise zu verklagen und sich als Wächter über die guten Sitten aufzuspielen. Ich kenne Michael Mozart nicht persönlich, nur- seine Argumente sind in der Tat bestechend und nicht von der Hand zu weisen. Mozart prangert auch die exorbitant hohen Schadenersatzforderungen der Industrie an, mit denen Menschen in den persönlichen und finanziellen Ruin getrieben werden.

Beweise:

2001: U.S. House of Representatives Report- for Rep. Henry Waxman and Rep. Steve Largent: Children’s Access to Pornography Through Internet File-Sharing Programs

Auszug aus dem Report:

“CNET’s. Download.com is a leading Internet clearinghouse for software. According to its data, file-sharing programs are now the most popular downloaded software on the Internet. In the week of ending July 15. the single most popular downloaded software from CNET was Music City Morpheus, which was downloaded more than a million times. Among the ten most popular downloads, six were multimedia  file-sharing program. KaZaA was downloaded more than 580’000 times, iMesh more then 550’000 times, BearShare more then 540’000, and LimeWire more than 160’000 times. Altogether, CNET reports more than 3.1 million copies of file-sharing programs were download from it’s site in just one week.”

“According to the Vice President of CNET’S Download.com, with Napster not Working, all 50 million users are most likeliy looking for an alternative.”

Bild: U.S. House of Representatives Report for Rep. Henry Waxman and Rep. Steve Largent

Anhang 1 aus dem Report für Rep. Henry Waxman und Rep. Steve Largent- Top 10 der meistgesuchten Begriffe im Gnutella Netzwerk am 26.1.2001:

1 divx

2 porn

3 star trek voyager

4 sex

5 xxx

6 teen

7 saving private ryan

8 preteen

9 lolita

10 madonna

Wie die richterliche Verfügung von Richterin Marylin Hall Patel ignoriert und umgangen wurde:

 

Bild: candleinthedark.blogspot.com

CNET- Auf richterliche Verfügung hin wurde Napster wie erwartet angeordnet den Zugang zu allen Songs von Copyright-Eigentümern in ihrem Netzwerk zu blockieren. Napster kann Dateien nur anhand des Dateinamens identifizieren. Mindestens zwei Programme sind bereits erschienen, die den Dateinamen abändern um die richterliche Verfügung zu umgehen.


Der Pig Latin Encoder auf CNET umgeht die Verfügung von Richterin Patel


CNET Namster Beschreibung: Dieses Programm konvertiert MP3 Dateien in numerische Werte die gefiltert werden können. Es benennt ihre Dateien über einen einfachen Algorithmus. Namster ist so konzipiert, dass Nutzer Dateinamen für Suchabfragen in Filesharing-Netzwerken erzeugen können.

7. Juli 2004: CNET: Elliot van Buskirk- Allow me to Induce myself- MP3 Insider: An opinionated take on MP3 and the audio revolution

CNET Autor Elliot van Buskirk: “the term INDUCE stands for inducement devolves into unlawful child exploitation--if you discover the connection between copyright infringement and the exploitation of children let me know..” Elliot Buskirk macht sich über den INDUCE Act lächerlich. Der Artikel ist immer noch Online.

Link: candleinthedark.blogspot.com–CBS Media Evidence

11.07.2008: CNET:  Jason Parker von Download.com stellt im Videotest Limewire vor

5. Mai 2011Amlawdaily.typepad.com: Quinn Emanuel Sues CBS and CNET over Lime Wire Downloads

5. Mai 2011: Zdnet.com: CNET, CBS hit with piracy lawsuit: Who is to blame for piracy?

Zack Witthaker: “..Piracy, in my honest and professional opinion, cannot be solved. Either crack down on it to levels never seen before, and impose harsh penalties and enforcement regulations to punish as many as possible, or do away with it entirely and create an open and free market for content and media..”

Kommentar eines CBS Sprechers zur Anklage: “Dieser neueste Schritt von Herr David ist ein verzweifelter Versuch, um uns Rechteinhaber von der Durchsetzung unserer berechtigen Forderungen abzuhalten. Seine Anklage gegen CBS ist gespickt mit Ungenauigkeiten und wir sind zuversichtlich, dass wir die Oberhand behalten..”

14. Nov.2011: United States District Court Central District of California: Complaint for: 1. Inducement of Copyright Infringement and 3. Vicarious Copyright Infringement vs. CBS Interactive Inc., Cnet Networks Inc.

Auszug aus der Anklageschrift gegen CBS und Cnet Networks Inc:

“…As recently as 2010, one could acess a legitimate portion of Defendant’s sites and download licensed software such as Quickbooks accounting software or Adobe Acrobat, and could during the same shopping session download the Lime Wire infringement engine, which was clearly intended to be downloaded for infringing purposes. This ambiguity worked even further to Defendants’ advanage by making it seem to the causual consumer that Limewire download has the same legitimacy as a download of licensed software. In essence, Defendants have taken music piracy from dorm room to the board room. Thus, while other companies faced heavy statutory penalties and went bankrupt, and music labels banded togehter to levy practically unconscionabel penalties on unemployed college students and housewives, Defendants quietly made billions by inducing those same individuals to break the law, by providing the the software to do it, and then giving even the least computer-savvy a step-by-step guide how to do it…

20.01.2012: CNET: Software- Limewire- als Download Filesharing leichtgemacht- CBS vertreibt die Filesharing-Tools auch 2012 weiter.

Info: CNET gehört zur CBS Gruppe. Dieselbe Firma, die den Nutzern vorher jahrelang Tips fürs Filesharing gab und auf ihrer Webseite Cnet.com die Tools getestet und für’s Filesharing angepriesen und vertrieben hat ist nun eine der SOPA Befürworterinnen. Ungeachtet dessen werden dieselben Programme bis heute zum Download angeboten.

Schlussbemerkung:

Dass CBS Mitarbeiter damals mit ihren Artikeln dass Filesharing promotet haben und damit bewusst und wissentlich grossen finanziellen Schaden anderer Fimen in Kauf genommen haben, steht ausser Frage und die Verteidungsstrategie “die Software selbst ist nicht illegal, die Nutzer sind selbst verantwortlich” ist schlicht und ergreifend Nonsens. Wie die Beweise klar zeigen, wurde den Nutzern damals mit den entsprechenden Tools geholfen, dass digitale Rechtemnanagement der Rechteinhaber zu umgehen und für den durchschnittlichen Nutzer war es eben genau nicht offensichtlich klar, dass Filesharing Software auch für illegale Downloads benutzt wird.

Dass die richterliche Verfügung von Richterin Patel damals so dreist umgangen wurde zeigt klar, dass die damaligen Mitarbeiter ganz genau wussten was sie tun. Die Nutzer wurden damals mit keinem Wort auf die Urheberrechte hingewiesen oder darauf, dass sie sich mit diesen Tools strafbar machen können. Als man erkannte, dass man sich viele Klagen einhandeln kann, wurde die Strategie geändert und man fing an die Nutzer mit dem scheinheiligen Hinweis zu warnen: “beachten sie, es ist mit dieser Software auch möglich urheberrechtlich geschütztes Material herunterzuladen..”

Wir erinnern noch einmal: Namster is designed so that users can genereate file names for use in search queries on filesharing networks” Noch eindeutiger geht es nun wirklich kaum und auch die anderen Beweise sprechen eine deutliche Sprache. Sehr wichtig scheint uns aber die Bemerkung, dass viele der damaligen Mitarbeiter die Firma CBS längst verlassen haben und wir wollen keinesfalls heutige Mitarbeiter, die nichts mit den damaligen Vorkommnissen zu tun haben für die Taten ihrer Vorgänger verantwortlich machen.

Rupert Murdoch- mächtiger als Kane

17.November 2006: CNET: Universal has sued MySpace for infringing Coypright

Rupert Murdoch hat MySpace 2005 für 580 Millionen als Aquisition für sein Medienimperium News Corporation erworben und 2011 für 35 Millionen wieder verkauft. Rupert Murdoch 2009: “The question is, should we be allowing Google to steal all our copyright…not steal, but take. Not just them but Yahoo” We suspect Zell and Murdoch are just blowing smoke. If they were not, perhaps they could demand Google and Yahoo remove their news content. The search engines would kindly oblige.Heute 2012 bezeichnet Rupert Murdoch US-Präsident Barack Obama als “Pirat” und macht Google schon wieder für die Piraterie verantwortlich. Dieser Vorwurf ist schlicht absurd und lächerlich.

Fall Tennenbaum: 675’000 Dollar für 30 Songs

Kommen wir nun zu den Opfern der Musikindustrie- vornehmlich technisch unbedarfte Hausfrauen und Teenager werden von der Industrie besonders gern wegen Filesharing verklagt und auch ganz junge Teenager sind gerngesehene Opfer. Michael Mozart führt als prominentes Beispiel den Fall von Joel Tennenbaum an- Tennenbaum, ein 16 jähriger Collegestudent, wurde für das herunterladen von 30 Songs auf die unfassbar hohe Summe von 675’000 Dollar verklagt- pro Song sind das 22’500 Dollar! Ein Download bei iTunes wäre deutlich billiger gewesen.. Ich weiss nicht wie es ihnen geht aber anders als die Musikindustrie haben wohl die wenigsten Internetnutzer Milliarden auf ihrem Bankkonto um so einen unverschämt hohen Betrag mal eben aus der Portokasse zu bezahlen.

Teenager als Bauernopfer der Mediengiganten

Wir sind uns hoffentlich einig: ein 16-jähriger Teenager ist einfach noch nicht in der Lage die Tragweite seines Handelns einzuschätzen. Ob Joel Tennenbaum seine Strafe je bezahlen können wird? Wohl kaum und wie etliche andere verklagter Collegestudenten wird Tennenbaum seine Schulden wohl mit ins Grab nehmen. Natürlich interessiert dass die Rechteinhaber herzlich wenig- schliesslich weiss doch jeder: herunterladen von urheberrechtlich geschützten Inhalten kann zu einer Strafvervolgung führen..

Fall Robert Santanto: Musikindustrie verklagt 11-jährigen

Der 16 jährige Robert Santanto wurde in White Plains New York von 5 Musikfirmen wegen Piraterie angeklagt. Er soll diese Piraterie angeblich als damals 11-jähriger begangen haben. Er bestritt die Vorwürfe vor Gericht und sagte, es sei unmöglich zu beweisen dass er diese Taten begangen hat. Er warf der Musikindustrie Verletzungen des Kartellrechts, Verschwörung um die Gerichte zu betrügen und erpresserische Drohungen vor.

Sein Fall wurde daraufhin fallengelassen und stattdessen wurde seine 42 jährige Mutter wegen derselben Vergehen angeklagt. Patti Santangelo weigerte sich ebenfalls die Forderung zu bezahlen und brachte ihren Fall an die Öfentlichkeit und wurde eine Leitfigur des Kampfs für ein freies Internet. Die Industrie liess ihren Fall wieder einstellen und verklagte stattdessen seine Schwester, heute 20 Jahre alt.

Der Richter ordnete an, dass Michelle $30,750 (€23,700) bezahlen soll, weil sie nicht auf die Anklage reagiert hat. Robert Santanto und sein Anwalt, Jordan Glass legten einem Geschworenengericht eine Liste mit 32 Verteidungspunkten und eine Gegenklage gegen die Unternehmen vor, weil sie sein Ansehen beschädigt haben, er aus der Schule flog und er halsabschneiderisch hohe Anwaltsgebühren bezahlen musste damit der Verteidiger seinen Fall übernahm.

Er verteidigte sich damit, dass er keine urheberrechtlich geschützte Musik an andere weitergeben hat und dass die Plattenfirmen selbst das Filesharing propagiert haben, bevor sie ihn verklagten. Der durchschnittliche Nutzer sei zudem nie gewarnt worden dass es illegal ist, zudem sei die Verjährungsfrist abgelaufen. Er habe die Musik nicht heruntergeladen, sondern sie stamme von gekauften CDs seiner Schwester.

Santanangelo erhob Vorwürfe gegen die Firmen, die mehr als 18.000 Klagen an Bundesgerichten eingereicht haben. So seien die angeblichen Konkurrenten der Musikindustrie in Wahrheit ein Syndikat dass gemeinsam gegen das Kartellrecht verstosse und sich an einer breit angelegten Verschwörung beteiligt um die Gerichte der Vereinigten Staaten zum Narren zu halten. Davon ist wohl nicht nur Santangelo überzeugt.

“Die angeblichen Konkurrenten sind in Wahrheit ein Kartell und sie verlangen exorbitant hohe Schadenersatzforderungen. Gleichzeitig verletzen sie auch die öffentliche Ordnung indem sie die Angeklagten mit erpresserischen Drohungen zum Bezahlen zwingen wollen.”

Links:

EFF: RIAA versus the People five years later

Guardian: Filesharing Music Industry- How it Feels to be sued for $4.5M

Wired: How Mass BitTorrent Lawsuits Turn Low-Budget Movies Into Big Bucks

Findarticles.com: Arresting Kids for Downloading Music; The recording industry is blaming illegally downloaded music for its declining CD sales

“The Nielsen Soundscan figures show that 687 million CDs were sold in 2003 compared with 693 million in 2002 a decline of less than 1 percent.”

Musicbusinessresearch.files.wordpress.com: Bachelorarbeit von Anja Ebert Hochschule Mittweida University of Applied Sciences, Anja Ebert: Die Musikindustrie im Wandel- Untergang oder Chance? Eine Analyse der digitalen Revolution und deren Auswirkungen auf das Kaufverhalten der Konsumenten und die Live-EventKultur.

Professor David Bach: Fighting Music Piracy or Remaking Copyright in a Digital Age ?

Janis Ian: “Das Internet Debakel”

Eine Insiderin packt aus: Janis Ian's Artikel "Das Internet Debakel" erlaubt tiefe Einbllicke hinter die Kulissen der US- Musikindustrie (www.janisian.com)

An dieser Stelle möchten wir auf den Artikel “Das Internet Debakel” von Janis Ian hinweisen. Die US-Songwriterin, die für ihre Songs”At 17″ und “Society’s Child” einen Grammy erhielt, veröffentlichte 2003 einen sehr lesenswerten Artikel zum Thema Filesharing. Der brisante und auch heute noch hochaktuelle Bericht gibt uns wertvolle Einblicke aus der Sicht einer Insiderin.

Sie deckt die Doppelmoral der grossen Medienunternehmen auf und zeigt anhand von Beispielen auf, dass viele Künstler erst dank dem Internet in der Lage sind ein Millionenpublikum anzusprechen und dass sie dadurch auch wesentlich höhere Einnahmen erzielen können.

Der Einnahmenkuchen ist grösser als jemals zuvor

Der Einnahmenkuchen ist dank dem Internet enorm gewachsen, nur muss der Kuchen heute auch unter wesentlich mehr Parteien aufgeteilt werden. Heute kann jeder Filme, Musik Bücher und Software über ein iTunes oder Amazon oder ein anderes Partnerprogramm verkaufen und bekommt dafür eine Beteiligung an den Einnahmen.

Die Branchenriesen iTunes und Amazon zeigen klar: es ist möglich mit Filmen, Musik und Software hohe Gewinne zu machen und das ist auch nichts verwerfliches. Die Film- und Musikindustrie hat sich nur einfach viel zu lange gegen das Internet gesträubt und den Anschluss and die Moderne komplett verschlafen. So ist die heutige Diskussion rund um SOPA und Piraterie von Inhalten auch eine Auseinandersetzung zwischen New und Old Economy. In den Anfangstagen des Filesharing gingen die CD- und Filmverkäufe stark zurück und es gingen durch Filesharing in der Tat viele Arbeitsplätze verloren- das ist aber zum grossen Teil eine hausgemachte Misere.

Die wahren Absichten hinter dem SOPA

Heute haben die Rechteinhaber aus ihren Fehlern gelernt und betreiben eigene Shops im Internet und die Verkaufszahlen sehen nicht so schlecht aus wie das immer wieder behauptet wird. Die Branche hat sich inzwischen längst vom Internetschock erholt. Man erzielt seit Jahren höhere Einnahmen und das genau dank den Verkäufen im Internet. Derzeit steigen auch die Einnahmen an den Kinokassen wieder. Wenn das böse Internet aber tatsächlich die Branche zerstören würde gäbe es heute weder diese florierenden E-Shops noch eine gutverdienende Industrie, die nun versucht die Kontrolle und Hoheit über das Internet zu übernehmen.

Kontrolle über alles und jeden

Das ist nämlich die wahre Absicht die dem SOPA steckt. Es geht der Film- und Musikindustrie darum, zu kontrollieren wer welche Inhalte vertreibt, wer was über die Unternehmen sagt um dann notfalls den Kritikern den Mund zu verbieten. Das sind die wahren Absichten hinter dieser Initiative. Die Befugnisse, die sich die Rechteinhaber mit SOPA/PIPA einräumen möchten, sind derart weitreichend dass einem Angst und Bange wird, auch wenn man überhaupt nichts mit Filesharing am Hut hat.

Frontmotor.blogspot.com: Zensur mit Hilfe des Urheberrechts- so geht es

Insider als Quelle der “illegalen” Downloads

Die Filmindustrie unterschlägt sehr gerne folgenden Punkt: Filme, die noch vor dem Kinostart im Internet als Download in bester Qualität auftauchen, werden oft von Insidern der Branche selbst hochgeladen- wer sonst ausser jemand aus der Branche käme an einen Film in Topqualität, lange bevor er die Kinokassen erreicht? Zudem wird durch die langen Verzögerungen bei internationalen DVD-Releases das Filesharing geradezu provoziert, diese These wird durch eine aktuelle Studie auch untermauert. Die Studie fand auch heraus: Filesharing beinflusst zumindest die Einnahmen der Filmgiganten nur in einem sehr geringen Ausmass und was auch nicht vergessen werden darf: gerade die fleissigsten Downloader besitzen oft riesig, legal erworbene CD- und Filmsammlungen und gehören zu den besten Kunden.

Kampf gegen die besten Kunden

Die Musik- und Filmindustrie jammert trotz steigender Gewinne und macht immer wieder das Filesharing für sinkende Gewinne verantwortlich, das Zahlenmaterial dazu stammt aber auch von den Unternehmen selbst. Man bekämpft und brandmarkt seit vielen Jahren die eigenen Kunden als Diebe, obwohl viele dieser Nutzer sehr viel Geld für Inhalte im und ausserhalb des Internet ausgeben. Sicher, es gibt auch Nutzer die nur herunterladen und nichts dafür bezahlen, das ist aber gesamthaft gesehen recht problemlos zu verschmerzen da die Musik- und Filmfreaks ihren Freunden und Verwandten auch viele Filme und CDs empfehlen und die kaufen die Inhalte gern, weil sie genau wissen dass sie sich auf die Tips der Musik- und Filmkenner verlassen können.

Die Kunden werden seit Jahren hinters Licht geführt

Mal abgesehen von alledem: fast jeder von uns hat in den Zeiten wo es noch keine CDs und kein Internet gab gekaufte LPs und Tonbänder für seine Freunde und Familienmitglieder gemixt und kopiert- was nicht verboten war und ist. Hat sich damals irgendjemand von der Musikindustrie darüber beklagt und verlangt dass man das mit langen Gefängnisstrafen sanktioniert? Natürlich nicht, weil man eben ganz genau weiss, dass das die beste Werbung für Neukunden ist! Merken sie langsam woher der Wind weht? Nein?- Man verkauft die Kunden seit Jahren für blöd und glaubt auch noch sie würden es nicht merken.

Links:

2006: Studie- Pracy or Promotion?- The impact of the Broadband Internet Connections on DVD Sales

2007: Deutsche Musikindustrie 2007: Jammerniveau hoch, Absatz überraschend stabil- ”Der Absatz stieg im Jahr 2007 auf 35 Mio verkaufte Einzeltitel-Downloads, eine Steigerung von 38% im Vergleich zu 2006, ein unerwartet schwaches Ergebnis. Da hatte sich die Industrie sicher mehr erwartet.”

2008: Nytimes: Music Sales Fell in 2008, but Climbed on the Web

“Sales of digital music continued to rise steeply last year. Just over a billion songs were downloaded, a 27 percent increase from 2007..”

Rio Caraeff Universal Music: “We don’t focus anymore on total album sales or the sale of any one particular product as the metric of revenue or success..”

2009: gulli.com CD-Verkäufe sind nicht alles

2010: Musikindustrie schimpft trotz steigender CD-Verkäufe “stiegen die absoluten Verkaufszahlen von CDs sogar um 1,5 Prozent auf 147,3 Millionen..”

2011: Musikindustrie freut sich über einen Anstieg der CD-Verkäufe “Über 64 Millionen Musik-CDs wurden von Januar bis September in Deutschland verkauft. Das ist ein Anstieg von 2,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr..”

2012: Downloads schlagen erstmals CD-Verkäufe Und auch generell wurde 2011 mehr Musik verkauft als in den Jahren zuvor.

2012: Handelsblatt.com: Legale Musik im Netz boomt “Die Umsätze mit dem Download von Alben und einzelnen Titeln in Deutschland stiegen im vergangenen Jahr um 28,8 Prozent. Im Weihnachtsgeschäft 2011 registrierte der BVMI ein Plus beim CD-Verkauf von 5,8 Prozent.”

Ulrich Clauss, Die Welt: “eine Verrechtlichung des Internet muss möglich sein”

Ulrich Clauß von der Welt setzt sich dagegen für mehr Kontrolle im Netz ein und schreibt in seinem Artikel “stoppt das Guantanamo Gesetz für das Internet: “Eine Verrechtlichung des Internets muss möglich sein, ohne bewährte Grundsätze von Meinungs- und Informationsfreiheit zu verletzen.” Eine Antwort, wie diese  ”Verrechtlichung” aussehen soll und wer diese “Verrechtlichung” in die Hand nehmen soll, lässt Clauß allerdings offen.

Es gibt ausreichend Gesetze gegen Piraterie

Diese beiden Interessen unter einen Hut zu bringen ist eine praktisch unlösbare Aufgabe denn sie stehen sich praktisch diametral entgegen und es gibt heute schon ausreichend griffige Gesetze die es Rechteinhabern erlauben, Urheberrechtsverletzungen zu verfolgen was man auch an der riesigen Anzahl hängiger Klagen sieht. Derzeit sind nach wie vor Tausende Verfahren hängig- die Industrie verklagt vornehmlich die ganz jungen Nutzer weil die sich in der Regel kaum einen guten Anwalt leisten können und damit wurden wohl schon viele Millionen Dollar eingenommen- wir erinnern uns wieder an den Fall Joel Tennenbaum und das Video von Michael Mozart zum Thema Filesharing.

Eine weltweite Harmonisierung der bestehenden Gesetze und ein überarbeites, modernes Urheberrecht das auf die Gegebenheiten des Internet und die Nutzer Rücksicht nimmt tut hier viel mehr Not als neue Gesetze.


Piraterie in fast allen Ländern strafbar

Die Piraterie von urheberrechtlich geschütztem Material ist sowieso in fast allen Ländern strafbar und da das Netz international ist, sollten auch die Gesetze dementsprechend angepasst werden- wenn es denn überhaupt neue Gesetze braucht.. Wir können es nicht zulassen, dass unser aller Internet durch ein paar unausgegegorene Gesetze von Kongressabgeordneten faktisch zerstört wird. Diese Kongressabgeordneten verstehen die Technik hinter dem Internet gar nicht.

Matt Mullenweg, WordPress Co. Gründer im Interview mit  BBC: “The authors of the legislation don’t seem to really understand how the internet works”

Immerhin haben nun schon einige ehemalige SOPA-Befürworter ihre Unterstützung für das Gesetz zurückgezogen. Sie haben nun verstanden, wie brandgefährlich der SOPA für das Internet und die Meinungsfreiheit wäre. Wir sind der Meinung dass Verbote sinnlos sind. Das hat die Geschichte immer wieder gezeigt.

SOPA verliert ehemalige Befürworter

In China sind viele Blogger und Journalisten über die ganzen Debatten in den USA und anderswo amüsiert. Michael Anti, wie er sich nennt, ein chinesischer Journalist und Blogger: “Nur eine amerikanische Firma wie Wikipedia kann so protestieren, eine chinesische Firma würde damit nicht davonkommen. Nun kopiert uns die amerikanische Regierung und baut eine eigene Firewall”.

Chinesen sind amüsiert über die Debatte

Jason Ng ist ein chinesischer Techblogger Bild: Twitter Account Jason Ng

Das meint ein anderer Microblogger im Artikel der L.A Times zum SOPA Blackout. “Ich verstehe diese Aufregung um das Blackout von Wikipedia überhaupt nicht. Bei uns ist Wikipedia seit Jahren im Streikzustand. Wer setzt sich für unsere Menschenrechte ein?” Die Frage ist absolut berichtigt. Jason Ng, ebenfalls ein ziemlich bekannter Blogger in China erklärt: “Die grosse chinesische Firewall blockiert keine Webseiten die urheberrechtlich geschütztes Material verbreiten. Das Internet in China ist voll von Filmen, Fernsehserien und Pornos. Wenn die chinesische Regierung das unterbinden würde, hätte sie ein ernsthaftes Problem.”

öffentliche Debatte in China undenkbar

Anders als China, wo solche Gesetzesinitiativen hinter verschlossenen Türen entschieden werden, wird in den USA öffentlich darüber debattiert und jeder kann seine Meinung dazu kundtun ohne Angst vor Verfolgung haben zu müssen. Wer in China die Regierung kritisiert, muss mit ernsthaften Folgen rechnen und kann dafür Jahre seines Lebens im Gefängnis verbringen. So weit sind wir in den USA und Europa gottseidank nicht. Die ganze Debatte rund um SOPA ist trotz dem verständlichen Spott der Chinesen sehr wichtig.

Die freie Welt steht am Rande des SOPA-Abgrunds

Derzeit stehen wir an einem Scheideweg, der über die Zukunft des Internet und über die Zukunft von Millionen von Menschen entscheiden wird denn nun entscheidet sich, ob die Interessen von ein paar Mediengiganten wichtiger sind als die Meinungsfreiheit der gesamten Welt. Nochmal, es sind teilweise die gleichen Unternehmen für den SOPA, die vor einiger Zeit viele Nutzer überhaupt erst mit dem Filesharing vertraut gemacht haben und sie dazu ermutigten, urheberrechtlich geschütztes Material herunterzuladen.

Fall O’Dwyer als mahnendes Beispiel

Sehr zu denken geben sollte uns der Fall des Briten Richard O’Dwyer. Ein Richter hat entschieden: der 23 jährige Student darf an die USA ausgeliefert werden. O’Dwyer hatte eine in den USA registrierte Webseite mit Links zu urheberrechtlich geschütztem Material betrieben. Im Falle einer Auslieferung drohen im bis zu fünf Jahre Gefängnis. Wohlverstanden, er hat kein urheberrechtlich geschütztes Material verkauft oder gehostet sondern wie Google lediglich Links zu entsprechenden Seiten auf seiner Webseite platziert.

Die USA braucht mehr Gefängnisse für Teenager wie Richard O’Dwyer

Wenn dieser krasse Fall Schule macht, dürfen sich die US-Bauunternehmer freuen. Um alle Webseitenbetreiber und Nutzer, die Links zu urheberrechtlich geschützem Material verbreiten, müssten viele neue Gefängnisse gebaut werden. Der Fall von Richard O’Dwyer ist schockierend und als halbwegs politisch gebildeter Bürger kann man kaum glauben was hier gerade passiert. Wenn es so weitergeht, driften die USA langsam ab in Richtung eines totalitären Regimes, dass die ganze Welt in Angst und Schrecken versetzt. Eines ist sicher: der Zweck heiligt keineswegs immer die Mittel!

Richard O'Dwyer und seine Mutter kommen gerade aus der Anhörung im Gerichtssaal von Westminster (Bild-bbc.co.uk)

Bewusstsein gegen SOPA muss weiter wachsen

Wir müssen den SOPA unbedingt stoppen, das steht ausser Zweifel. Deshalb bitte ich Sie als Leser sich gegen den SOPA auszusprechen. Nehmen sie mit ihrem Landtags- oder Kongressabgeordneten Kontakt auf und erklären sie ihm ,dass sie mit dieser Politik nicht einverstanden sind. Machen sie Druck wo immer es möglich ist. Gehen sie auf die Strasse und protestieren sie gegen SOPA.

Organisieren sie sich gegen den SOPA

Organisieren sie sich mit Gleichgesinnten- im Internet gibt es unzählige Gruppen die gemeinsam gegen den SOPA kämpfen. Erzählen sie ihrer Familie und ihren Freunden, ihren Nachbarn was der US-Kongress und die US-Medienindustrie vorhaben. Boykottieren sie die Produkte der SOPA Befürworter wo möglich bis SOPA gestoppt wurde und wenn sie doch bei diesen Unternehmen einkaufen müssen- kaufen sie nur unter Protest ein und machen im Geschäft auf diese geplanten Menschenrechtsverletzungen aufmerksam. Machen sie Druck gegen SOPA wo immer möglich! Es gibt unzählige Möglichkeiten sich dagegen zu engagieren.

“grösste Katastrophe in der Geschichte des Internet”

Was sich hier anbahnt, ist die grösste Katastrophe in der noch jungen Geschichte unseres Internet. Das Internet gehört uns allen und doch niemandem und wir können es unter keine Umständen zulassen, dass sich ein paar geldgeile Unternehmen als Herrscher und Richter über die gesamte noch freie Welt aufspielen. Die USA waren einmal das Land der Freiheit und Demokratie- dass nun ausgerechnet aus den USA eine derart fatale und weitreichende Gesetzesinitive kommt, ist kaum zu glauben.

Erlauben sie uns noch ein paar Schlussbemerkungen:

Wir vom Denkmaschinen-Blog hatten nie vor, politisch für oder gegen etwas aktiv zu werden und sie werden im Blog auch nur wenige Artikel zum Thema Politik finden. In erster Linie soll sich das  Blog mit dem Thema Technik beschäftigen. Hier vermischt sich aber ein technisches Thema mit der Politik und diese Gesetzesinitiative lässt uns schlicht keine Wahl als dass wir uns dagegen engangieren. Die Meinungsfreiheit wurde von unseren Vorfahren mit viel Blut erkämpft und sie ist eines der kostbarsten Menschrechte und das gilt es zu bewahren- nicht nur für uns selbst sondern auch für unsere Nachfahren!

Jeder, der ein gewisses demokratisches Grundverständnis und eine politische Grundbildung hat wird einsehen, dass SOPA zu weit geht und dass hinter dieser Initiative ganz andere Absichten stehen als vordergründig vorgegeben wird. Aus diesem Grund setzen wir uns für ihre und unser aller (Meinungs-) Freiheit ein. SOPA ist menschenverachtend und verstösst gegen die UN-Menschenrechtscharta und auch gegen den ersten Verfassungzusatz der USA.

Deshalb muss dieses Mittel zur Zensur und Kontrolle, das dem Internet enormen Schaden zufügen würde mit aller Macht bekämpft werden, denn wenn so ein Gesetz erst verabschiedet wurde kann es kaum wieder rückgängig gemacht werden- STOP SOPA! STOP ACTA! Für ein freies Internet ohne Zensur!

Links zum Thema ACTA, SOPA und Zensur im Internet:

digitalegesellschaft.de: mitmachen stoppt ACTA!

Spiegel.de: Erste Senatoren knicken nach Web-Protest ein

Video: Zensur im Internet auch in der Schweiz?

Reporters without Frontiers: Domestic Reality does not match bold Words on Internet Freedom of Expression

March 2nd, 2012: The Berlin International Freedom of Expression ForumCensorship and Freedom in Traditional and New Media: The Revolution of Media as a tool of Freedom of Expression

Verwandte Artikel:

This entry was posted in Internet, Netzpolitik und Zensur and tagged , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

Hinterlasse eine Antwort